Der heilige Josef - Vorbild für erfülltes Eheleben

Christof Gaspari

Es ist noch gar nicht so lange her, dass wir das Fest der heiligen Familie gefeiert haben: Jesus, Maria sind zentrale Figuren der Heilsgeschichte, aber der heilige Josef? Ist er nicht eher eine Randerscheinung? Hat er eine Botschaft für unsere Zeit, eine Zeit, in der Familie in voller Auflösung zu sein scheint?
Ich verfolge die Entwicklung von Ehe und Familie seit mehr als 30 Jahren: ein kontinuierlicher Abwärtstrend. Die Zahl der Eheschließungen nimmt ab, die der Scheidungen zu; uneheliches Zusammenleben von Mann und Frau ist zum akzeptierten Lebensmodell geworden; schlimmer noch: gleichgeschlechtliche Partnerschaften haben quasi-ehelichen Status erlangt; Empfängnis wird verhütet und gezeugte Kinder im Mutterleib getötet: die Geburtenzahl hat sich auf einem bis in die sechziger Jahre unvorstellbar tiefen Niveau stabilisiert. Noch einmal die Frage: Hat der heilige Josef eine Botschaft für diese Zeit? Ich denke ja, denn trotz dieser vielen Fehlentwicklungen tragen die Menschen die tiefe Sehnsucht nach gelungenen Beziehungen, nach Geborgenheit in einer stabilen Familie im Herzen. Alle Umfragen, besonders auch unter den Jugendlichen, bestätigen das. Treue steht - jedenfalls theoretisch - immer noch hoch im Kurs. Was vielfach fehlt, sind die Vorbilder, Ehen, die trotz der zwangsläufig auftretenden Krisen halten, in denen das wiederholte Ja zueinander das gegenseitige Vertrauen vertieft.

Rafael: Vermählung Marias mit Josef

Rafael: Vermählung Marias mit Josef

 

Und diesbezüglich hat uns der heilige Josef und seine einigermaßen ungewöhnliche Geschichte einiges zu sagen. Da ist er mit einem Mädchen verlobt, was in Israel so gut wie verheiratet war. Der einzige Unterschied: Die beiden lebten noch nicht miteinander, waren einander aber fix versprochen. Und da erfährt er: Sie bekommt ein Kind - nicht von ihm. Die nüchterne Sprache der Schrift und die Gewöhnung an die Texte, die man schon oft gehört hat, bewirken, dass man die Dramatik des Geschehens, das uns Matthäus schildert, übersieht. Was für ein Schock muss das für den jungen Mann gewesen sein. „Wir hatten doch beschlossen, sexuell enthaltsam zu leben”, wird er sich gedacht haben, „schon das ist mir nicht leicht gefallen. Aber deinetwegen habe ich zugestimmt. Und jetzt diese Nachricht!” Die nahe liegende Reaktion: „Ein Skandal. Mich so zu hintergehen! Also dir zeig ich’s jetzt.
Das sollen nur alle wissen, was du für eine bist!” Aber Josef reagiert anders - eben wie ein wirklich Liebender. Er will sie freigeben. Wenn sie anders entschieden hat, soll es ihm recht sein. Er denkt an sie, nicht primär an sich selbst.
Er bleibt dabei: „Du bist mir wichtig. Ich stelle mich auch unter den veränderten Bedingungen in den Dienst deines Glücks, öffne dir andere Wege.” So oder ähnlich wird Josef gedacht haben. Wenn ich das so hinschreibe, wird mir bewusst, dass dies wie ein Märchen klingt. So verhält sich doch niemand! Ich würde wohl auch zu dieser Ansicht neigen, wenn ich nicht vor Jahren eine vergleichbare Situation erlebt hätte: Eines Tages kommt ein Freund, den ich länger nicht gesehen hatte, zu mir. Es sei wichtig, er müsse mir etwas erzählen: Seine Frau und er seien sich in der Frage: Nachwuchs - ja oder nein - nicht einig gewesen. Er hätte gern ein Kind gehabt, sie nicht. Nun sei er am Vortag heimgekommen, und seine Frau habe ihm eröffnet, sie sei schwanger. „Großartig”, war meine Reaktion. “Ja”, ergänzte der Freund, „nur leider nicht von mir.” Was sollte ich sagen, was sollte ich ihm raten? Es kam aber anders, als ich erwartet hatte. Er fragte mich nämlich: “Was meinst du, soll ich tun, um das Vertrauen meiner Frau wiederzugewinnen?” Damals habe ich begriffen: Wo einer liebt, da stirbt die Beziehung nicht, auch wenn sie nach menschlichem Ermessen zerstört erscheint. Auch der heilige Josef hat sich in der Krise, die der Evangelist Matthäus schildert, nicht verhärtet, sich nicht auf sich selbst zurückgezogen. Er hat darauf verzichtet, die eigene Kränkung zu kultivieren und zum Mitleid herumzureichen. Und damit hat er die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Gott, der Herr, ihm den Sinn des Geschehens aufschließen konnte. Ein Modell für das Verhalten in Krisensituationen: nicht die eigene Wehleidigkeit kultivieren.
Wie konnte Josef bloß so großartig reagieren? Woher nahm er die menschliche Größe? Er war gerecht, lesen wir bei Matthäus, also ein Mensch, dessen Leben auf Gott ausgerichtet war, auf dessen Willen. Sicher hat diese Offenheit vorrangig darin bestanden, sich an die allgemeinen Wegweisungen Gottes zu halten, wie sie sich in den Geboten äußern. Wer aber aus der Grundentscheidung, die Gebote Gottes zu befolgen, lebt, ist auch ansprechbar für den direkten Anruf Gottes. Und so erfährt Josef in seiner Krise, wie das Geschehen in den Plan Gottes passt. Gott sendet ihm einen Engel, der ihm klar macht, wie es um seine Verlobte steht:
„Marias Kind ist vom Heiligen Geist. Es wird das Volk von seinen Sünden erlösen. Nimm Maria zu Dir und gib dem Kind den Namen Jesus!” (vgl. Mt 1,20ff) Allzu leicht überliest man, wie unglaublich das ist, was Matthäus uns dann von Josef erzählt: Er ändert seine Meinung, lässt sich etwas sagen, tut, was der Engel ihm aufträgt!
Wir haben es heute leicht: Wir wissen, wie die Geschichte mit Jesus ausgegangen ist, dass er Wunder gewirkt, Tote ins Leben zurückgerufen, Kranke geheilt hat; dass er von den Toten auferstanden und Seinen Jüngern erschienen ist. Aber von all dem hatte Josef keine Ahnung. Wahrscheinlich hat er nicht einmal recht verstanden, was ihm der Engel da mitgeteilt hat.
Und dennoch: Er lässt sich auf das Geheimnis seiner Braut ein, nimmt wahrhaft Unfassbares auf sich. Sagt einfach ja - es bleibt dabei. Nimmt Maria zu sich. Um Josefs Größe zu erkennen, ist es gut, sich vorzustellen, wie fast jeder andere an seiner Stelle reagiert hätte: „Ein Kind vom Heiligen Geist? So ein Unsinn! In der Schrift mag zwar etwas von der Jungfrau, die ein Kind empfangen wird, stehen - aber das soll gerade hier in Nazaret, in dem Nest stattfinden und gerade mir passieren! ‚Du bist ein feiner Depp!’ würden meine Freunde sagen, wenn ich ihnen das erzähle…”
Josef aber stimmt zu - nicht weil er ein Supermensch, sondern weil er gerecht ist, weil er mit der Hilfe Gottes rechnet, der ihm die Größe für diesen Schritt zumutet. Hier handelt kein Übermensch, sondern einer, der auf Gott vertraut. Nicht weil Josef besonders tugendsam ist, tut er, was der Engel sagt, sondern weil er liebt.
Denn Liebe ist keine Tugend, sondern Leben aus Gott, denn Gott ist die Liebe. (1 Joh 4,16b)
Jetzt sind wir wirklich beim Wesentlichen der Beziehung von Mann und Frau angelangt:
bei der Einsicht, dass ihre Liebe - so wie jede Liebe - Ausfluss der Nähe und des Wirkens des lebendigen Gottes ist. Und wir werden in dem Maß lieben, in dem wir zulassen, dass Gott mitten unter uns wirkt.

Liebe ist Ausfluss des göttlichen Wirkens

Liebe ist Ausfluss des Wirkens des lebendigen Gottes

Und das ist auch die Botschaft des heiligen Josef an die Jugend unserer Tage, die sich nach Geborgenheit in gelingenden Beziehungen sehnt: „Lasst euch konkret auf Gott ein! Denn in letzter Konsequenz ist die Durchlässigkeit der Partner für das Wirken Gottes die eigentliche Lebensquelle der Mann-Frau-Beziehung.

Bleibt noch die Frage offen: Und das Thema Sexualität? Gehören sexuelle Beziehungen nicht auch zur Ehe? Beim heiligen Josef fällt diese Dimension aber komplett unter den Tisch.
„Typisch Kirche!”, mag da so mancher denken. Und dabei hat uns doch Papst Johannes Paul II. über das „Ein-Fleisch-Werden” in der Ehe hinterlassen. die Rede: „In dieser Umarmung geschieht ein Wunder, für das wir leider heute blind geworden sind. Es entsteht neues Leben. Welch unfassbares Geheimnis: Ein Wesen mit Ewigkeitswert hat seinen Ursprung in der Umarmung von Mann und Frau. Gott hat dieses Zeichen der unbedingten Hingabe, dieses größte körperliche Zeichen der Liebe von Mann und Frau dazu bestimmt, Raum der Menschwerdung zu sein. Gerade in diesem Vorgang des Einswerdens sind Mann und Frau in besonderer Weise Ebenbilder Gottes.”
Sinngemäß hat Papst Johannes Paul II. folgendes festgehalten: „In der Einheit von Mann und Frau leuchtet das Geheimnis des dreifaltigen Gottes in der Schöpfung auf. Zwei Personen werden zu einer Einheit. Und diese Einheit der Personen drängt ihrerseits auf Ausweitung: Liebe, die in den Kindern zur Person wird.” Welch faszinierende Vision!
Was hat dies aber mit dem heiligen Josef zu tun? Wir können getrost annehmen, dass Josef und Maria die wohl hingebungsvollste Ehe geführt haben, die jemals unter Menschen gelebt wurde. Sie haben daher sicher Einheit in einer Tiefe erfahren, die ihresgleichen sucht.  Wenn wir dem Evangelium Glauben schenken, haben sie diese Einheit aber ohne ihre körperliche Ausdrucksform erlebt.
Daraus können wir folgendes lernen: Das Einswerden, zu dem Mann und Frau berufen sind, ist ein ganzheitliches Geschehen, das auf körperlicher Ebene eine beglückende Form des Ausdrucks findet, das aber nicht notwendigerweise auf diese Form des Ausdrucks angewiesen ist. Denn das Einswerden in der Liebe ist seinem Wesen nach ein Einswerden im Geist. Damit ist die körperliche Ausdrucksform der Einheit in keiner Weise abgewertet oder schlecht gemacht. Sie wird nur an den ihr gebührenden Platz gerückt. Die sexuelle Umarmung ist Ausdruck für ein tieferes Geschehen. Und sie verliert ihre Wahrhaftigkeit (und wird schal, wie man bei Viktor Frankl, dem berühmten Wiener Pychotherapeuten nachlesen kann), wenn sie aus diesem Konzept herausgelöst wird.
Auch in dieser Hinsicht ist also das Leben des heiligen Josef ein Wegweiser: Erfüllung findet der Mensch in der hingebungsvollen Liebe. Und wer sexuelle Beziehungen wirklich erfüllt leben will, der wird so leben, dass er diese intime Form der Begegnung nur dort sucht, wo wirklich geliebt wird, wo der Wille und die Bereitschaft gegeben sind, den anderen unbedingt anzunehmen. Und dieser Raum ist die unauflösliche Ehe, die dank des Wirkens Gottes Bestand hat.

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Herzlich Willkommen

„... unter der Führung Marias, die im Bild vor ihnen stand,
begannen sie zu überlegen,
wie sie Gott am besten gefallen und was sie tun könnten,
damit er in Seiner Welt geliebt werde.“

(Handbuch der Legion Mariens)

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