P. Leo Kuchar: Altar und Eucharistie

P. Leo Kuchar, geb. 1938 in Brünn, 1960 geheim zum Priester geweiht, lebt seit 1968 als Eucharistiner-Pater in Wien.

P. Leo Kuchar

P. Leo Kuchar

Was geschieht auf dem Altar, wenn das heilige Messopfer gefeiert wird? Es geschieht genau das, was uns Christus mit den Worten aufgetragen hat: “Tut dies zu meinem Gedächtnis!” Dieses “dies” ist die Messfeier. Um das heilige Messopfer besser verstehen zu können – oder um es überhaupt einigermaßen verstehen zu können – müssen wir uns an den Abendmahlsaal „heranpirschen”. Christus hat nicht nur gesagt: “Tut dies zu meinem Gedächtnis”, sondern er hat auch gerade das getan, was wir ihm nachmachen sollen.

Wir wollen uns jetzt das Letzte Abendmahl am Abend des Gründonnerstages von Anfang an und der Reihe nach anschauen. In einem Haus auf dem Sionshügel in Jerusalem sitzt eine Gruppe von dreizehn Männern um einen Tisch, genauer gesagt: Nach dem damaligen Brauch liegen sie auf Matten um einen niedrigen Tisch herum; auf dem Tisch stehen Schüsseln, Krüge und Becher. Schon dieses Bild vermittelt uns den Eindruck einer kleinen Gemeinschaft, die zusammengehört. Menschen, die sich zu einem gemeinsamen Mahl zusammenfinden, können sich nicht fremd sein. Sie sind Freunde oder zumindest gute Bekannte. Eine ideale Tischgemeinschaft setzt sich allerdings aus Personen zusammen, die einander lieben. So eine ideale Tischgemeinschaft sollte im Abendmahlsaal entstehen. Das war der sehnlichste Wunsch des Mannes, der in der Mitte saß. Er hieß Jesus Christus und war wahrer Gott und wahrer Mensch.
Wir haben noch nicht von den Speisen und Getränken gesprochen, die zu jedem Mahl gehören. Und doch hat schon der gemeinsame Tisch in uns das Gefühl einer liebeerfüllten Atmosphäre wachgerufen. Dieses Gefühl wird verstärkt und gesteigert, wenn wir unser Augenmerk auf die Beschaffenheit der Speise und des Trankes richten. Auf dem Tisch standen Brot und Wein.
„Jesus nahm das Brot, segnete es, brach es und reichte es seinen Jüngern mit den Worten: .Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Leib! Ebenso nahm er den Kelch mit Wein, dankte wiederum und reichte ihn seinen Jüngern mit den Worten: Nehmt und trinket alle daraus: Das ist mein Blut!”

Christus hat die Speise und das Getränk in sich selbst verwandelt. Er hat sich gänzlich verausgabt. Kann eine Liebe, die solches tut, noch größer sein? Kann ein Geschenk, das aus solcher Liebe übergeben wird, noch größer sein? Die Apostel haben den Leib und das Blut Christi empfangen, sie haben kommuniziert.

Das Letzte Abendmahl war die erste Eucharistiefeier. Jesus Christus, der ewige Hohepriester, hat sich selbst zelebriert und zugleich gestiftet und eingesetzt!

Wir können nicht bestreiten, dass sich uns diese Eucharistiefeier an erster Stelle und vorwiegend als Gastmahl darstellt. Das ist das erste Bild, das sich uns anbietet und einprägt.

Die Eucharistiefeier ist auch ein Opfer.

Wir müssen weiterschürfen. Ich habe die Worte zitiert, mit denen Christus Brot und Wein verwandelt hat, aber ich habe einen wichtigen Zusatz ausgelassen. “Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. – Das ist mein Blut, das für euch vergossen wird.” Jesus Christus hat seinen Leib für uns hingegeben und sein Blut für uns vergossen am Kreuze, und zwar einen Tag später, am Karfreitag. Wenn er schon am Gründonnerstag seinen geopferten Leib und sein vergossenes Blut seinen Aposteln gereicht hat, dann hat er sein Karfreitagsopfer in der Eucharistie vorweggenommen.

Die Eucharistiefeier ist nicht nur ein Gastmahl, sondern auch ein Opfer, ein Opfer, das mit dem Opfer am Kreuz identisch ist. Das erste Bild der Eucharistie, das Bild eines Gastmahles, wird ergänzt durch das Bild einer Opferhandlung. Über dem Altar sehen wir das Kreuz. Was wir im Katechismus gelernt haben, das stimmt: Die hl. Messe ist die unblutige Erneuerung des Kreuzesopfers Christi.

Wir kommen eben zurecht, um miterleben zu können, wie sich Christus am Kreuz opfert und wie er für unser Heil stirbt. Immer, wenn wir zur heiligen Messe kommen, ist die dritte Stunde des Karfreitags.

Morgenstunde des Ostersonntags

Es bleibt aber nicht beim Karfreitag. Wenn der Priester in der heiligen Messe die Wandlungsworte ausspricht, wird Jesus Christus in den Gestalten des Brotes und Weines gegenwärtig, auch mit seinem menschlichen Leib. Ist es sein sterblicher Leib vor dem Karfreitag oder sein unsterblicher Leib nach dem Ostersonntag? Die Antwort lautet: Jesus Christus kommt in sakramentaler Weise zu uns mit dem Leib, mit dem er zur Rechten des Vaters sitzt. Es ist sein österlicher Auferstehungsleib. Wiederum können wir sagen: Wenn wir zur heiligen Messe kommen, kommen wir eben zurecht, um miterleben zu können, wie Christus das Grab verlässt. Die Stunde unserer Messfeier ist die Morgenstunde des Ostersonntags.

Die halbe oder dreiviertel Stunde der heiligen Messe ist für uns die Zusammenfassung dreier Tage, des Gründonnerstages, des Karfreitags und des Ostersonntags. Diese drei Tage bilden den Kern des Ostergeheimnisses. Dazu gehören Leiden, Tod und Auferstehung Christi. Es wird deshalb immer betont und wir hören es immer wieder, nicht zuletzt in den Gebeten und Texten der Eucharistiefeier, dass die heilige Messe nicht nur eine Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers ist, sondern eine allwöchentliche, allsonntägliche oder auch alltägliche Erneuerung des Ostergeheimnisses des Herrn.

Verbleiben wir noch im Abendmahlsaal und halten wir die Augen offen! Das Letzte Abendmahl hätte ein Paschamahl sein sollen, das durch viele Vorschriften des jüdischen Gesetzes genau geregelt war. Man musste ein einjähriges, makelloses Lamm essen, das zu einer festgesetzten Zeit im Tempel zu Jerusalem geschlachtet werden musste. Diese festgesetzte Zeit war der Karfreitag, um 15 Uhr. Genau zu diesem Zeitpunkt starb Jesus am Kreuz. Er war das Lamm Gottes, das hinweg nimmt die Sünde der Welt! Wenn Christus mit seinen Aposteln das Paschamahl einen Tag früher gefeiert hat als vorgesehen, dann gab es zwei Möglichkeiten. Entweder wurde ein Lamm verzehrt, das nicht im Tempel geschlachtet worden ist, oder es wurde kein Lamm gegessen. In diesem Fall war es kein Paschamahl im jüdischen Sinn, wohl aber ein Paschamahl in christlichem Sinn. Das Paschalamm wurde durch das Lamm Gottes ersetzt. “Als unser Osterlamm wurde geschlachtet Christus”, jubelt der hl. Paulus im 1. Korintherbrief. Das wahre Osterlamm war im Abendmahlsaal zugegen nicht nur in der sichtbaren menschlichen Gestalt des Erlösers, sondern auch in den Gaben des verwandelten Brotes und Weines. So ist es bis zum heutigen Tag. Die Eucharistie ist Jesus Christus, unser Opfer, unsere Speise und unser Trank.
Wenn wir die heilige Messe betrachten, hat sie vielleicht keine große Ähnlichkeit mit dem Ablauf des Letzten Abendmahles. Was wichtig und was wesentlich ist, ist aber vorhanden und ist verblieben. Es ist durchaus nicht notwendig, dass wir um den Altar herum liegen, wie es die Apostel getan haben. Wir müssen auch nicht die aramäische Sprache verwenden, wie es Christus getan hat. Das alles sind Dinge, die nicht notwendig sind und die sich verändern können. Deshalb hat die Kirche die Riten und Zeremonien immer auch verändert, angepasst und erneuert. Die letzte große Liturgiereform haben wir nach dem Konzil selbst erlebt. Man hat die Muttersprache eingeführt, einen Volksaltar aufgestellt, Texte und Gebärden abgeändert. Was aber zum Auftrag Christi gehört: “Tut dies zu meinem Gedächtnis”, ist geblieben: Brot, Wein, die Verwandlung in Fleisch und Blut Christi, das Opfer Christi und der Empfang der Eucharistie in der heiligen Kommunion. Nichts fehlt, und wenn etwas fehlt, dann ist es lediglich die Gottes- und Nächstenliebe, die wir aus der Eucharistie schöpfen und weiter tragen sollen.

Die Frühkommunion der Kinder

Im Jahr 1910 wurde das Dekret “Quam singulari” in Kraft gesetzt. Nächstes Jahr also können wir das hundertjährige Jubiläum feiern. Der heilige Papst Pius X. erlaubte damals nicht nur, sondern forderte geradezu die Frühkommunion der Kinder! Wenn ein Kind in die so genannten “Unterscheidungsjahre” komme und gewöhnliches Brot vom eucharistischen unterscheiden könne, sei es auf die Erstkommunion (und Erstbeichte ) vorzubereiten und zuzulassen. Die “Unterscheidungsjahre” ermöglichen auch die Erkenntnis von Gut und Böse, deshalb die vorausgehende Beichte. Ansonsten wird keine vollständige Einführung in den Katechismus verlangt. Das Kriterium ist der Glaube und die Sehnsucht.
Wenn das Kind mit den Eltern in die Kirche geht und die Eltern zur heiligen Kommunion gehen, kann es geschehen, dass das Kind bettelt: “Ich will das auch haben!” Das besagt noch nicht viel und ist erklärlich durch den kindlichen Nachahmungstrieb. Wenn aber das Kind die Frage stellt: ,,Warum darf Jesus nicht zu mir kommen?’, so ist es bereits ein Signal für die Eltern.

Die Sehnsucht des Herrn nach der reinen Seele des Kindes

Die Beweggründe des hl. Papstes Pius X sind gut nachvollziehbar. Die heilige Kommunion ist nämlich keine “Einbahn”. Wir wollen gewöhnlich allein entscheiden, ob wir zur Kommunion gehen oder nicht. Kommunion ist aber schon vom Wort her eine innige Vereinigung zweier Personen. Stellen wir an Christus die rhetorische Frage: ,,Wie oft willst du mit mir kommunizieren?” Er ist unser “Partner”. Er hat doch auch ein Wörtchen mitzureden! Er ist voll Liebe und Sehnsucht. Er wird uns keine andere Antwort geben als: “So oft du darfst und so oft es möglich ist!”

Nehmen wir an, Pius X. hätte eine ähnliche rhetorische Frage gestellt: “Herr, wann möchtest du frühestens sakramental in das Herz und in die Seele eines getauften Kindes kommen?” Könnte seine Antwort anders lauten als: “So bald als möglich!”?
Die lateinischen Anfangsworte des Dekretes “Quam singulari” verweisen auf die übergroße Liebe Jesu zu den Kindern:
“Lasst die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes” (Lk 18,16). 

Tabernakel und Eucharistie

 Nach der heiligen Kommunion überträgt der Priester den Rest der heiligen Hostien in den Tabernakel. Warum tut er das? Einige werden antworten: “Er kann die konsekrierten Hostien doch nicht wegwerfen!” Andere werden eine andere Erklärung finden: “Es müssen immer Hostien bereit stehen für Versehgänge. Man braucht sie als Wegzehrung für Sterbende und als Vorrat für die Kommunion außerhalb der heiligen Messe.” Eine dritte Gruppe wird die Aufbewahrung folgendermaßen begründen: “Wenn in der nächsten Messe die heiligen Hostien für die Ausspeisung nicht reichen sollten, muss eine Reserve vorhanden sein.” Alle Antworten sind richtig, aber keine ist vollständig. Christus will nicht nur zufällig, sondern mit Absicht ständig unter uns zugegen sein. Die halbe oder dreiviertel Stunde der Messfeier soll auf vierundzwanzig Stunden des Tages ausgedehnt werden.
Jede Messfeier ist eine ständig sich wiederholende Begegnung mit Christus, mit Christus, der soeben stirbt; mit Christus, der soeben aufersteht; mit Christus, der sich beim Letzten Abendmahl in eine Speise und einen Trank verwandelt. Das alles sind Ereignisse, die nur eine begrenzte Zeit dauern. Das Sterben, das Auferstehen, das Sich-Empfangen-Lassen in der heiligen Kommunion sind nur Augenblicke. Was unverändert und zeitlos andauert, ist das Sitzen des Sohnes Gottes zur Rechten des Vaters im Himmel. Durch die Eucharistie sollen wir auch zu diesem Heilsgeheimnis Zugang erhalten. Unser Kontakt mit dem eucharistischen Christus soll nicht nur auf den Gottesdienst beschränkt bleiben. Wir sollen die Möglichkeit erhalten, die Begegnung mit Christus zu einem längeren Besuch oder Aufenthalt auszuweiten. Diese Möglichkeit hat Christus für uns geschaffen. Ist sie nicht zugleich auch ein Aufruf und eine Einladung, von ihr Gebrauch zu machen?
Wir können gewiss überall gut beten und sollen es auch tun: zu Hause, am Arbeitsplatz, auf der Straße, in der freien Natur. Gott hört uns überall und ist bereit, uns auch überall zu erhören.
Das Gebet in der Kirche, vor dem Tabernakel, erhält eine eigene Prägung. Es wird zu einem eucharistischen Gebet, zur Anbetung. Alles, was wir üblicherweise ins Gebet hineinlegen: unseren Glauben, unsere Zuversicht und Hoffnung, unsere Demut, Ergebenheit und Beharrlichkeit, bleibt bestehen, aber es kommt ein neuer Inhalt dazu: unser Glaube an die eucharistische Gegenwart Christi, unsere Ehrfurcht und Liebe zum Altarsakrament. Das bedeutet eine unschätzbare Aufwertung des Gebetes, auch eine Aufwertung seiner Wirksamkeit. “Wenn jemand mir dient, den wird mein Vater ehren”, hat Christus gesagt.
Dazu einige konkrete Tipps:
• Wenn Sie bei einer Kirche vorbeigehen, die Kirche geöffnet ist und Sie Zeit haben, treten Sie ein und machen Sie einen Kurzbesuch beim Heiland! Sie werden beim Verlassen der Kirche zweifellos reicher an Gnaden sein als beim Betreten.
• Wenn Sie ein Anliegen haben, das Ihnen am Herzen brennt, tragen Sie es vor den Tabernakel! Christus ist jemand, der immer helfen kann und immer helfen will. Er soll doch nicht der Letzte sein, an den wir uns um Hilfe wenden, sondern der Erste.
• Auch wenn Sie kein besonderes Anliegen haben, das Sie zum Gebet anspornt, widmen Sie eine bestimmte Zeit dem Gebet vor dem Tabernakel! Dann ist eben die eucharistische Anbetung Ihr Anliegen und Ihr Bedürfnis. Kein Anliegen zu haben, das Sie drängt, ist eine Form der Zufriedenheit. Dafür gebührt dem Herrn Dankbarkeit und Dank!
• Versuchen Sie auch das betrachtende Gebet zu pflegen! Wenn Sie vor dem Tabernakel in Ruhe über die verschiedenen Wahrheiten unserer Religion nachdenken, so ist das auch Gebet und Anbetung. Beschränken Sie Ihr Gebet nicht nur auf die Bitten! Auch das Gotteslob, der Dank, die Sühne und Abbitte gehören zur Vollständigkeit und Vollkommenheit des Gebetes.
Der Herr möge uns vom Tabernakel aus segnen und behüten!

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Herzlich Willkommen

„... unter der Führung Marias, die im Bild vor ihnen stand,
begannen sie zu überlegen,
wie sie Gott am besten gefallen und was sie tun könnten,
damit er in Seiner Welt geliebt werde.“

(Handbuch der Legion Mariens)

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