Maria und der Heilige Geist

VON FRANK DUFF

AUS DER ARTIKELSAMMLUNG:  ”DIE HEILIGE DREIFALTIGKEIT UND MARIA”

Herausgegeben von Andreas Seidl

Publikationen in Englisch: ML Vol. 20 No. 2 of 1972, und in  “Woman of Genesis”, S. 274ff

            Ich möchte mich heute mit Ihnen auf das Allerwesentlichste besinnen, das die Grundlage Ihrer Arbeit bilden muss, wenn sie wirkungsvoll sein soll. Ihr Vorhaben ist gewaltig: Sie planen eine Eroberung mit einem einzigen Schlag, sie möchten in ungefähr einer Woche eine ganze Bevölkerung  bekehren. Das ist großartig und fantastisch zugleich. Aber es ist möglich, wenn Sie sich dem Heiligen Geistes als Stützpunkt zur Verfügung stellen. Er kann nämlich die Bekehrung mit einem Schlag, in einem Augenblick bewirken.

            Ich möchte die Wirkungsweise all dieser Dinge mit Ihnen besprechen. Dazu muss ich die höchsten Dinge zur Sprache bringen: die Allerheiligste Dreifaltigkeit und die Gottesmutter Maria. Haben Sie Geduld mit mir bei dieser schwierigsten aller Aufgaben. Ich versuche zu tun, was ich immer getan habe: Die Dinge möglichst einfach zu machen. Ich fühle mich dazu ermutigt durch die im Handbuch wiedergegebenen Worte des Erzbischofs von Dublin: „Es kann in der Lehre der Kirche keinen inneren Kern von Wahrheiten geben, die nur ein paar Leute verstehen können.”

Die Unterscheidung der Personen

            Es ist nicht genug, Gott in verschwommener Weise irgendwie als Dreiheit zu betrachten. Wir müssen die Dreifaltigkeit in ihre Personen aufgliedern, so gut wir können, denn jede von ihnen steht zu uns und unserer Erlösung in einer eigenständigen verständlichen  Beziehung.

            Schon die einfache Unterscheidung der drei göttlichen Personen ist ein Gewinn. Aber ich denke daran, jede der göttlichen Personen gewissermaßen mit Fleisch zu bekleiden, ihnen einen bestimmten Charakter und eine Persönlichkeit zuzuweisen, die wir verstehen können. Das würde uns helfen, uns ohne Mühe an sie zu wenden, und könnte sie uns einigermaßen vertraut machen.

            Jede der drei göttlichen Personen hat ihre eigene, von den anderen verschiedene Gestalt. Diese Verschiedenheit ist eine der Eigenarten der Heiligsten Dreifaltigkeit. Wir werden diese Gestalten die ganze Ewigkeit hindurch betrachten können. Aber es reicht nicht, damit bis auf die Ewigkeit zu warten, so als hätte diese Sache keine Beziehung zu unserem irdischen Leben. In Wirklichkeit betrifft sie uns hier unten sehr persönlich, denn sie hat einen lebenswichtigen Einfluss auf unsere Haltung diesen Personen gegenüber.

            An jedem Tag unseres Lebens sollen wir uns jeder dieser göttlichen Personen in Anbetung und Gebet nähern. Dazu müssen wir uns auf etwas stützen können. Man kann nicht in einem Vakuum beten, ohne eine Ahnung, wohin oder an wen sich unsere Gebete richten.

            Bis zu einem gewissen Grad kann diese Leere gefüllt werden, wenn man einen Namen nennt. Wir wenden uns damit an eine der göttlichen Personen oder an die selige Jungfrau oder an einen Heiligen. Das ist aber nur ein schwacher Schritt vorwärts, wenn wir kein entsprechendes Bild vor uns haben, das den Namen mit etwas Substanz bekleidet. Beten ist immer schwierig, denn es ist ein geistlicher Akt. Die Schwierigkeit wird unermesslich größer, wenn wir nichts als einen Namen vor uns haben, an den wir uns wenden können. Es hilft auch nicht, wenn wir uns bloß ungeeignete Symbole vorstellen sollen wie etwa ein leuchtendes Dreieck für die Heiligste Dreifaltigkeit oder ein menschliches Auge für den himmlischen Vater.

            Das beste Bild des Vaters, das wir üblicher Weise erreichen, ist so, wie ihn Michelangelo dargestellt hat: als alten Mann mit einem langen Bart. Für die zweite Person haben wir ein verbürgtes Bild: Jesus Christus. Für den Heiligen Geist haben wir die Taube oder eine Feuerzunge. Das ist nicht genug! Solche Symbole beschränken unsere Verbindung mit dem Himmel auf ein Minimum. Das wäre dasselbe wie der Versuch, mit verbundenen Augen die Schönheiten der Natur zu sehen oder mit einem Knebel zu sprechen.

            Darum ist es äußerst wichtig, eine richtige Beziehung zum Heiligen Geist aufzubauen, denn er ist der Träger aller Tätigkeiten des dreifaltigen Gottes nach außen. Er ist der Spender jeder Gnade, von der unser hiesiges und unser späteres Leben abhängt.

Die zweite göttliche Person

            Seit dem Augenblick der Menschwerdung ist die zweite göttliche Person eins mit Jesus und existiert nicht auf andere Weise. Jesus ist die zweite göttliche Person. Daher muss er auf menschliche Weise das Aussehen des Sohnes Gottes erkennen lassen, den wir im Himmel sehen werden. Sonst würde ja Jesus nicht die göttliche Absicht erfüllen, uns von der zweiten Person ein so vollständiges Bild zu bieten, wie es mit begrenzten Mitteln möglich ist.

            Es ist ein erschreckender Gedanke, dass die zweite göttliche Person auch als Tier Fleisch angenommen haben könnte, zum Beispiel als Lamm, das biblischen Symbol des Sohnes Gottes. Wenn er das getan hätte, hätte die Opferung des Lammes die Erlösung bewirkt. Man kann sich zwar kaum vorstellen, wie dadurch der mystische Leib begründet oder der Mensch zu Gott erhoben worden wäre.

       Dann müsste wirklich das Lamm als Gott angebetet werden. Aber eine derartige Offenbarung der zweite göttlichen Person wäre so unpassend, dass sie gar nicht in Frage kommt. Unsere Vorstellung kann kaum fassen, dass sich Gott mit der Menschheit in so inniger Weise verbunden hat. Wir können unmöglich tiefer hinabsteigen.

            Das führt uns zu der Frage, ob die menschliche Natur Jesu Christi überhaupt in jeder Hinsicht eine solche Vollkommenheit zu erreichen vermag, dass sie wirklich für die Vereinigung mit der göttlichen Natur geeignet ist. Aus unserer Sicht müsste sich diese Eignung nicht nur auf die Heiligkeit und ein Höchstmaß an menschlichen Fähigkeiten beziehen, sondern auch auf die leibliche Gestalt. Da versagt unsere Vorstellungskraft. Wir können nicht begreifen, wie sich die göttliche Wesenheit in einer menschlichen Gestalt spiegeln kann. Aber es muss etwas Wahres daran sein, und wir müssen versuchen, ein wenig darin einzudringen. So wie unser Verstand auf Gott hinweisen kann, den wir uns nicht vorstellen können, so sagt uns der Verstand auch, dass Jesus Christus als Mensch uns die zweite göttliche Person in geeigneter Weise  darstellen muss.

            Als etwa die irdischen Zeitgenossen Jesu in den Himmel kamen und ihn in all seiner Herrlichkeit als zweite Person Gottes erblickten, war er doch derselbe Jesus, den sie gekannt hatten. Seine verklärte Erscheinung als reine Gottheit bedeutete nicht, dass er ihnen als ein ganz anderer erschienen wäre, dem sie sozusagen erst vorgestellt werden mussten. Nein, sie werden ganz von selbst in ihre frühere respektvolle Vertrautheit mit ihm gefallen sein und mit ihm genau so gesprochen haben wie nach seiner Auferstehung. Das meine ich, wenn ich sage, dass Jesus ihnen schon in seinen Erdentagen das Aussehen der zweiten göttlichen Person gezeigt hat.

Die Gestalt des Heiligen Geistes

            Nachdem all das klar gestellt ist, komme ich nun zu der Frage nach der Gestalt des Heiligen Geistes.

            Wenn uns solche Bilder wie die Taube oder die Zungen von Feuer als Symbole des Heiligen Geistes geboten werden, kann man nicht behaupten, dass die ihm wirklich ähnlich schauen. Wenn der Heilige Geist hingegen eine solch unaussprechliche Einheit mit Maria eingegangen ist, muss er sich durch sie unbedingt wirklich erkennen lassen. Man sieht sofort, dass das jene nicht zufrieden stellen wird, die Maria nur als reinen Kanal der Gnaden des Heiligen Geistes ansehen, während sie doch viel mehr ist.

            Maria ist die Braut des Heiligen Geistes, voll seiner Gnade, seine untrennbare Partnerin bei seinem Wirken nach außen. Daraus folgt, dass sie ihm ähnlich geworden ist, so weit es einem Geschöpf überhaupt möglich ist, erhöht bis an die Grenzen der Unendlichkeit. Das ist die Lehre der Kirche. Das erlaubt uns zu sagen, dass sie sein vollkommenstes menschliches Abbild ist.

Jesus und der Heilige Geist

            Da kann man einwenden, dass sicherlich Jesus den Heiligen Geist am treuesten widerspiegelt. Natürlich ist er in Jesus in unvergleichlich höherem Ausmaß zugegen als in Maria. Aber das ist hier nicht die Frage. Ich denke eher an ein menschliches Abbild. Wenn wir übrigens Jesus als Spiegelbild sowohl der zweiten als auch der dritten göttlichen Person ansehen, kann uns das eher dazu führen, diese Personen gleichzusetzen, statt sie in wünschenswerter Weise zu unterscheiden.

      Es hilft uns mehr, wenn wir bedenken, dass Jesus die zweite göttliche Person widerspiegelt, die er ja tatsächlich ist, und Maria die dritte, mit deren Rolle sie von Gott so innig verbunden wurde.

            Ich kehre zurück zu der Tatsache, dass uns Jesus die zweite göttliche Person erkennen lässt, und dass Maria in geringerer und rein menschlicher Weise die gleiche Funktion in Hinsicht auf den Heiligen Geist ausübt. Natürlich können wir das nicht ganz begreifen, aber mehr oder weniger davon muss verständlich sein, denn das ist die Absicht Gottes. Alle göttlichen Wahrheiten sind uns offenbart, damit wir sie wenigstens zum Teil verstehen. Der Verstand soll ja den Glauben immer mehr untermauern.

Maria ist das vollkommenste menschliche Abbild des Heiligen Geistes

            Das trifft auch auf diesen Fall zu. Der Heilige Geist würde sich nicht in menschlicher Weise durch Maria zu erkennen geben, wenn das ganz jenseits unseres Verständnisses läge. Wenn der Heilige Geist beabsichtigt, uns ein menschliches Abbild seiner selbst zu bieten, kann er nicht ein rein symbolisches oder künstlerisches Zeichen wählen, sondern eine Person. An diese Person müssen aber notwendiger Weise höchste menschliche Maßstäbe angelegt werden.

            Wenn er eine Gestalt auswählt, die ihn darstellen soll, muss sie dazu geeignet sein, und es muss zwischen ihm und ihr eine gewisse Übereinstimmung bestehen. Wenn es die zweite göttliche Person nicht verschmäht hat, die menschliche Natur Jesu und den Schoß Marias zum Eintritt in die Geschichte der Menschheit zu wählen, wäre es auch nicht unangemessen, wenn der Heilige Geist einen so erhabenen Menschen wie die selige Jungfrau in ähnlicher Weise gebrauchen wollte.

            Natürlich gibt es einen Unterschied. Da Jesus ja die zweite göttliche Person ist, besteht nicht die Notwendigkeit, ihn von ihr zu unterscheiden. Man muss nur seine göttliche Wesenheit erkennen. Aber der Heilige Geist und Maria sind zwei verschiedene Personen, so ähnlich sie auch sein mögen, die eine göttlich, die andere menschlich. Ein Bild kann helfen, uns vorzustellen, wie man zur gleichen Zeit die Übereinstimmung und den Unterschied erkennen kann: Der Schirm eines Fernsehers hat sein eigenes Aussehen, doch sobald die Übertragung auf dem Schirm erscheint, verliert sich dessen Aussehen, und man sieht nur noch das Bild. Dieses Beispiel zeigt, wie das Geringere mit dem Größeren verschmilzt.

            Freilich liegen die Dinge beim Heiligen Geist und Maria auf einer viel höheren Ebene. Im Gegensatz zum Fernsehschirm wird Maria umso mehr sie selbst, je mehr sich der Heilige Geist in ihr zur Geltung bringt, und je mehr sie Maria ist, umso mehr zeigt sie ihn. Ihr Charakter wird nicht unterdrückt, sondern hervorgehoben. Dies ist eine Eigenart Gottes. Sie erweist sich in Maria in höchster Weise, ist aber nicht auf sie beschränkt. Sie gehört zu der geheimnisvollen Achtung Gottes vor der Persönlichkeit des Menschen. Je mehr wir uns aufgeben und in ihm verlieren, umso höher entwickelt sich unsere Persönlichkeit.

Marias Rolle ist rein menschlich

            Wollen wir nun dieselben Gedankengänge, die für Jesus Christus zutreffen, auf den ganz anderen Fall vom Heiligen Geist und Maria anwenden! Es ist ein ganz anderer Fall, denn der Heilige Geist wollte nicht in ihr Fleisch annehmen. Er ließ sie in jeder Hinsicht eine menschliche Person bleiben, ein reines Geschöpf. Sie sollte bei der Menschwerdung und bei der Erlösung eine rein menschliche Rolle haben. Das war nach dem Plan Gottes für dieses große Drama nötig. Er hat es so eingerichtet, dass der Anteil Marias zwar in vieler Hinsicht nahe an das Göttliche heranzureichen scheint, aber doch menschlich bleibt. Es ist klar, dass diese Bestimmung sie auf die höchste Spitze hebt, die ein Mensch erreichen kann, so nahe zu Gott, dass wir unsere Gedanken gar nicht so hoch erheben können. Es ist aber ein wesentliches Prinzip der Erlösung, dass Marias Anteil ein menschlicher war. Sie sollte im Namen der ganzen Menschheit handeln.

       Trifft aber, obwohl sie nicht göttlich ist, auf sie nicht trotzdem derselbe Gedankengang zu, den ich in Hinblick auf Jesus Christus überlegt habe? Kann man nicht auch sagen, dass sie für ihre Verbundenheit mit dem Heiligen Geist geeignet ist? Gott hat diese Verbundenheit so innig gemacht, wie es unter den Umständen möglich war. Können wir daraus nicht zu Recht schließen, dass Maria so erdacht und so geschaffen worden ist, dass sie uns in analoger Weise ein Bild des Heiligen Geistes zeigen kann, ihm fast so ähnlich wie Jesus Christus der zweiten göttlichen Person?

            Sicherlich in einem großen Ausmaß. Obwohl sie nicht göttlich war, war Maria in die Gottheit eingetaucht, soweit das für ein Geschöpf möglich war, das sie ja bleiben sollte. Es trifft also zu, dass wir im täglichen Umgang auf Maria und den Heiligen Geist den selben Gedanken anwenden können wie auf Jesus und die zweite göttliche Person. Die Apostel werden bei ihrem Eintritt in den Himmel im Heiligen Geist eine solche Ähnlichkeit mit Maria bemerkt haben, dass sie ihn beinahe erst beim zweiten Hinschauen unterscheiden konnten.

            Marias Aufgabe ist also, uns den Heiligen Geist sozusagen zu verdolmetschen. Daneben scheint noch eine weitere faszinierende Funktion zu haben.

Verschiedene Aufgaben von Mann und Frau

            Als Gott in Jesus Christus Mensch wurde, hat er das männliche Geschlecht gewählt. Das führt manche zu der Behauptung, dass die Frau im göttlichen Plan auf einen geringeren Platz verwiesen worden ist. Das konnte natürlich auf keinen Fall die Absicht Gottes sein. Gott ist kein Mann und hat keine Ursache, die Männer bevorzugt zu behandeln. In der Tat kann es sein, dass  bei der Endabrechnung die Mehrzahl der Himmelsbewohner Frauen sein werden.

            Aus den Worten, die beim ersten Eintritt des Mannes und der Frau in die Welt gesprochen wurden, kann man schließen, dass sie im Wesentlichen gleich sind: „Als Mann und Frau schuf er sie.” (Gen. 1, 27) Auch die Körperformen und die geistigen Strukturen weisen darauf hin. Die Unterschiede sind funktionell bedingt. Wir können auch nicht annehmen, dass die Seelen des einen Geschlechtes weniger wert sind als die des anderen.

            Es ist wahr, dass es deutliche Unterschiede in den Aufgaben gibt. Einige davon sind so beschaffen, dass man daraus eine männliche Überlegenheit ableiten könnte, z.B. die größere Körperkraft oder bestimmte geistige Fähigkeiten. Aber man kommt schnell darauf, dass das nur so scheint, oder sogar in die Gegenrichtung zeigen kann. Warum sollte zum Beispiel reine Körperkraft von Bedeutung sein? Daraus könnte man ja folgern, dass Tiere dem Menschen überlegen sind! Dasselbe gilt für den Verstand. Wenn man behauptet, dass der Mann in gewissen Bereichen überlegen ist, könnte die wirkliche Situation nicht genau so sein wie bei den größeren Muskeln? Kommt es vielleicht nur auf eine bestimmte Aufgabe und auf einen Dienst an und nicht auf den wirklichen Wert? Ist nicht die Aufgabe der Frau heikler und unaufdringlicher, aber ebenso wertvoll?

            Der Mann hat eine Aufgabe in der Welt zu erfüllen, für die er gewisse Eigenschaften braucht. Dasselbe gilt für die Frau. Letztlich ist der Mann für die Gewalt und ihre Folgen zuständig, aber das bedeutet noch keine Tugend. In der primitiven Bewertung der menschlichen Gesellschaft können die Aufgaben des Mannes höher geschätzt sein, ebenso wie das Geld. Aber in den Augen Gottes. zählen als wichtige Werte nur Glaube und reine Liebe. Daher sind alle die weiblichen Tugenden für ihn sicher nicht weniger wert. Es wäre nicht klug für die Frauen, sich von handgreiflichen  weltlichen Maßstäben betören zu lassen.

Jesus wurde ein Mann

            Dennoch ist es eine Tatsache, dass Gott als Mann Mensch geworden ist. Erweckt das nicht den Anschein, als würde das männliche Geschlecht über das weibliche erhoben? Ein Mann und nicht eine Frau ist Gott geworden. Wie kann diese radikale Ungleichheit ausgeglichen werden?

            Der Grund für seine besondere Verbindung mit einer männlichen Person war sicher nicht die Absicht, das männliche Geschlecht höher zu ehren oder zu bevorzugen. Es gab andere wichtige Gründe, die wir teilweise verstehen können. So können wir uns eine Frau kaum in der Rolle vorstellen, für die unser Herr als Erlöser bestimmt war, wenigstens nicht zur Zeit Christi.

            Wenn man seinen Weg verfolgt, wird man sehen, wie wenig geeignet eine Frau dafür gewesen wäre. In jener Zeit wäre eine Frau für alle Einzelheiten dieser Aufgabe einfach denkunmöglich gewesen.

            Wenn Gott aus gewissen Gründen der Zweckmäßigkeit als Mann Mensch geworden ist, ist es sehr wahrscheinlich, dass er irgendwo in der zeitlichen Ordnung einen Ausgleich schafft. Ich glaube, dass wir die einfachste Antwort in der Jungfrau Maria und in den eben geschilderten Gedankengängen haben. Gott ist zwar als Mann Mensch geworden, aber er ist mit einer Frau in eine Beziehung getreten, die dem an Höhe so nahe kommt, als es nur möglich war.

 Die weibliche Seite Gottes

            Da kann der Einwand kommen: „Hätte Gott nicht einen anderen passenden Weg finden können, um einer Frau die Rolle des Erlösers zuzuweisen?” Natürlich wäre das für Gottes Allmacht nicht zu viel gewesen. Aber sicher hätte das eine völlige Änderung des zuerst gewählten Planes bedeutet – und nur, um die nach Meinung des Kritikers bestehende Bevorzugung des Mannes abzuschaffen und durch eine ebensolche der Frau zu ersetzen! Das wäre sicher Feminismus schlimmster Art! Und es würde die Kränkung nur auf den Mann übertragen!

            Der berühmte Konvertit Dr. Orchard führt in einem seiner Bücher einen besonderen Gesichtspunkt an, der sich bei einiger Überlegung als beachtenswert erweist: Ohne Maria könnte es sein, dass wir Gott nur als Mann sehen und daher als solchen anbeten und lieben. Gott ist aber weder ein Mann noch eine Frau. Natürlich kann man zu Recht behaupten, dass Jesus zwar wirklich ein Mann ist, aber dennoch alle Eigenschaften einer vollkommenen menschlichen Natur aufweisen muss, sowohl weibliche als auch männliche.

            Auch der hervorragende Theologe Laurentin behauptet, dass in Jesus Christus auch alle weiblichen Tugenden zu finden sind, so dass in ihm die Frau ebenso empor gehoben worden ist wie der Mann. Das ist zwar wahr, aber schwer verständlich, und nur wenige werden das begreifen. Auch werden manche Frauen gar nicht zufrieden sein, durch einen Mann vertreten zu werden. Es wäre gut, wenn eine einleuchtendere und annehmbarere Lösung zur Verfügung stünde.

            Ich glaube, wir haben eine solche Lösung in der Vorstellung von Marias Mitwirkung. Sie schließt Laurentins Erklärung nicht aus, sondern ergänzt sie.

            Soweit als möglich steht Jesus selbst für die Frau und ihre Würde, im übrigen erfüllt Maria diese Aufgabe. Das kann sie nicht in ihrer Eigenschaft als Jungfrau von Nazaret, aber in ihrer Rolle als Braut des Heiligen Geistes, soweit man das trennen kann. Durch Maria offenbart sich uns die dritte Person der Heiligsten Dreifaltigkeit in analoger Weise wie die zweite göttliche Person durch Jesus Christus.

            Wenn wir entsprechend dieser Überlegung in Jesus die zweite und in Maria in gewisser Hinsicht die dritte göttliche Person sehen, haben wir sicher einen Fortschritt gemacht und aus unserem Geist eine mögliche Unklarheit über die Dreifaltigkeit verbannt. Überdies können wir sehen, wie sich die Gottheit in ihren Beziehungen zu den Menschen in Jesus als Mann und in Maria als Frau zeigt.

            Wir erkennen vor allem, wie Gott sich im Heiligen Geist so zu sagen von seiner weiblichen Seite zeigt, die wir sonst übersehen könnten. Dazu wurde Maria dem Heiligen Geist ähnlich gemacht und wurde demgemäss sein Spiegelbild, so sehr ein Mensch dazu fähig ist.

           So behauptet auch Dr. Orchard, dass Maria von Gott als Ergänzung oder Gegengewicht vorgesehen ist, um seine weibliche Seite in kräftigem und unmissverständlichem Licht zu zeigen. Dieser Gesichtspunkt würde nicht vielen in den Sinn kommen, aber er enthüllt eine zusätzliche Bestimmung Marias. Diese Frau bringt durch ihre bloße Gegenwart ohne viele Worte die Dinge ins rechte Lot. So zu wirken ist Marias Aufgabe, und sie erfüllt sie in jedem entscheidenden Augenblick im Neuen Testament, aber auch sonst.

           Und während sie uns Gott auf so großartige Weise verdeutlicht, zeigt sie sich gleichzeitig unter einem anderen Titel: als Exaltatrix Mulierum, als Ruhm der Frauen.

Marias Ähnlichkeit dem Heiligen Geist

            Die Unbefleckte Empfängnis war Marias geistliche Geburt. Dürfen wir nicht annehmen, dass der Heilige Geist ihr sein eigenes Bild und Aussehen eingeprägt hat, wie es sonst Eltern tun? Durch ihr weiteres Wachstum in der Gnade hat sich das verstärkt, bis sie zu einer würdigen Mutter Jesu und einer geeigneten Mitarbeiterin des Heiligen Geistes herangebildet wurde. Er offenbart sich durch sie so weitgehend, dass wir ihn in ihr fast sehen können.

            In ihren berühmten, kirchlich anerkannten „Offenbarungen” spricht auch die heilige Brigitte von Schweden auf solche Weise über Maria. Kardinal Vaughan zitiert sie in seiner „Einleitung zur Vollkommenen Hingabe”: „Wer mich sieht, sieht in mir wie in einem Spiegel die Gottheit und die Menschheit, und sieht mich in Gott. Denn wer Gott sieht, sieht in ihm drei Personen; und wer mich sieht, sieht gleichsam auch die drei Personen. Denn Gott schloss mich mit meinem Leib und meiner Seele in sich ein und erfüllte mich mit aller Tugend.”

            Natürlich gilt das auch in umgekehrter Richtung. Wenn Maria so geformt worden ist, dass sie dem Heiligen Geist gleicht, soweit es möglich ist, folgt daraus, dass der Heilige Geist so aussehen muss wie sie. Sie bietet auf menschliche Weise ein genaues Bild von ihm, das lebendig ist und sowohl die inneren Vorzüge als auch die äußere Erscheinung einschließt.

            In den vorgelegten Betrachtungen fällt ein neues Licht auf jene erhabene Frau, die die Heilige Dreifaltigkeit vor Beginn der Zeit als Mitwirkende in dem Drama der Erlösung erwählt hat, und deren Schicksal untrennbar mit dem Erlöser verbunden ist. Sie überdeckt den unüberbrückbaren Abgrund zwischen dem gefallenen Menschen und seinem Schöpfer und macht die Erlösung möglich. Sie ist die wahre Mutter der zweiten göttlichen Person und bietet ihn uns in einer Weise dar, die es uns allen möglich macht, ihn zu lieben, einigen sogar, ihn über alles zu lieben.

            Nun sehen wir, dass sie auch der dritten göttlichen Person auf ähnliche Weise dient. Darüber wollen wir etwas nachdenken.

Maria als Schlüssel zur Heiligen Dreifaltigkeit

            Die Lehre der Kirche sagt, dass der Vater den Sohn zeugt, und dass gleichzeitig der Heilige Geist vom Vater und vom Sohn hervorgeht. Er wird gleichsam hervorgebracht durch den gegenseitigen Anblick der Beiden und ihre daraus entspringende gegenseitige Liebe. Diese innergöttliche Dynamik begann vor aller Zeit oder hatte eigentlich keinen Anfang, sie ist seit Ewigkeit im Gang. Dieser Gedanke ist für uns so überwältigend, dass wir ihn nicht ausdenken können. Unser Verstand ist dem nicht gewachsen, so wie unsere Augen nicht in die Sonne schauen können.

            Der Vater hat diese Dynamik in die Zeit getragen, als er seinen Sohn, die zweite göttliche Person veranlasste, in Maria Fleisch anzunehmen. Er bewirkte das durch die Kraft des Heiligen Geistes, der alle Werke der Dreifaltigkeit nach außen ausführt. Das bedeutete, dass ein menschliches Wesen in einer besonders innigen Weise in das Leben der Heiligen Dreifaltigkeit eingeführt wurde. Maria wurde wirklich die Mutter des Gottmenschen Jesus Christus. Sie arbeitete mit der Macht des Heiligen Geistes in Freiheit zusammen an dem erhabenen Geheimnis der Menschwerdung. Und wie Maria für immer die Mutter Jesu Christi ist, so ist sie auch für immer die Mitarbeiterin des Heiligen Geistes am ganzen Erlösungswerk. Das macht sie sicherlich zur Mittlerin aller Gnaden.

            Können wir mit unseren Gedanken nicht noch tiefer eindringen? Gerade so wie sie der Welt Jesus geschenkt hat, wurde sie nach dem göttlichen Willen durch ihre freie Mitarbeit an der Menschwerdung des Sohnes Gottes auch einbezogen in die Ausspendung des Heiligen Geistes durch den Vater und den Sohn, die alle Heiligung bewirkt. Das ist ein sehr bedeutender und alle anderen Gründe überragender Grund, warum sie als Beistand, Mitarbeiterin und Mittlerin angerufen wird. 

            Diese mannigfaltige Rolle zeigt uns ihre einzigartige Beziehung zu jeder der göttlichen Personen und war die Ursache, warum sie von der Kirche als „Ergänzung” der Heiligsten Dreifaltigkeit[17] bezeichnet worden ist. Dieser Ausdruck muss im vollsten Sinn des Wortes verstanden werden, denn sie ist zwar von außen, aber entscheidend in die Tätigkeit der Dreifaltigkeit einbezogen worden. Das können wir nicht ganz verstehen.

            Was wir aber verstehen können, dem müssen wir auf den Grund gehen, denn es ist notwendig für unser geistliches Leben. Wir müssen eine Idee von den drei göttlichen Personen haben, und wir müssen Marias außerordentliche Aufgabe begreifen. Dazu gehört, dass es ihr gelingt, jede der Personen aus der Weite der Gottheit zu ziehen und jeder eine Bedeutung zuzuordnen, die uns ermöglicht, mit ihr vertraut, ja sogar in den höchsten Formen der menschlichen Liebe umzugehen. Das schließt sogar das Geplauder oder die Liebesbezeugungen eines Kleinkindes ein. Eine solche auserlesene Beziehung verdanken wir Maria, eine Beziehung, die auf Liebe und nicht auf Furcht beruht.

            Ich habe in den vorgelegten Gedanken versucht, den Heiligen Geist in Verbindung mit Maria zu zeichnen, und glaube, dass es mir gelungen ist, ihn dadurch in meiner Vorstellung aus einer äußerst vagen Idee zu einer ganz realen Person zu machen, die wirklich wesentlich ist. Ich sehe ihn mit Eigenschaften ähnlich denen der Jungfrau Maria, von ihr weithin kaum zu unterscheiden, aber doch immer als eigene Persönlichkeit, eindeutig weiblich (obwohl ich aus Gewohnheit „er” sage). Er verbindet in sich die Vollkommenheit, die wir in der seligsten Jungfrau sehen, mit unendlicher Macht und Liebe. Dadurch wird der Aufbau einer Beziehung spürbar erleichtert. Wir beten zu einem liebenswürdigen, strahlenden, liebenden Wesen und nicht mehr zu einem riesigen Schatten.

            Hier kann man vielleicht einwenden, dass man sich den Heiligen Geist, den Bräutigam Marias, nicht mit weiblichen Merkmalen vorstellen kann.

            Aber dieser Ausdruck „Bräutigam Marias” darf nicht in dem Sinn verstanden werden, dass der Heilige Geist der Gatte Marias oder der Vater Jesu Christi sei. Er ist keines von beiden. Durch seine Vermittlung und Kraft bildet der Vater den Sohn in Maria. Viele Schriftsteller haben darum statt Bräutigam nach einem anderen Ausdruck gesucht, um seine Beziehung zu Maria zu beschreiben.

            Auf welche Weise hat Maria Einfluss auf unsere Vorstellung von Gott Vater? Wenn wir mit einigen Mitgliedern einer Familie einen gewissen Grad an Vertrautheit erreicht haben, wird dadurch doch auch ein ähnliches Band hergestellt zu einem anderen Mitglied, das wir noch nicht gesehen haben. Durch Maria sind wir in innige Beziehung zur zweiten und dritten Person der göttlichen Familie getreten. Diese innige Beziehung erweitert sich und erstreckt sich auch auf den Vater. Es ist notwendig, ihm näher zu kommen, denn das vorherrschende Bild von ihm ist äußerst unzureichend. Er ist kein schrecklicher Graubart. Er ist überhaupt kein Mensch. Er ist ein Wesen von ausgesuchter Schönheit, das uns auf eine Weise liebt, die wir uns gar nicht vorstellen können, und von dem unsere Herzen in Ewigkeit hingerissen sein werden. Wir brauchen eine edlere Vorstellung von ihm. Aber das muss ein andermal sein.

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Herzlich Willkommen

„... unter der Führung Marias, die im Bild vor ihnen stand,
begannen sie zu überlegen,
wie sie Gott am besten gefallen und was sie tun könnten,
damit er in Seiner Welt geliebt werde.“

(Handbuch der Legion Mariens)

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