Die Frau, mit der Sonne bekleidet

VON FRANK DUFF

AUS DER ARTIKELSAMMLUNG:  “DIE HEILIGE DREIFALTIGKEIT UND MARIA”
Herausgegeben von Andreas Seidl

Publikation in Englisch: In “Woman of Genesis”, 176f

 

Ein Herzstück in Gottes Erlösungsplan war, den Menschen so hoch als nur möglich empor zu heben. Um das zu erreichen, sollte der Mensch nach Gottes Willen zu seiner eigenen Rettung sowohl als Einzelner als auch in Gemeinschaft so viel beitragen, als er konnte, und dadurch zu einer noch größeren Fülle an ewiger Herrlichkeit gelangen.

Da aber der Mensch nicht fähig war, ein angemessenes Werk der Versöhnung zu leisten, musste unser Herr Jesus Christus selbst Mensch werden, um den menschlichen Taten genügenden Wert zu verleihen.

Nach seinem Kommen hätte selbst die kleinste seiner Taten genügt, um die Erlösung zu bewirken. Aber eine Erlösung mit geringem Einsatz hätte die Menschen kalt gelassen. Daher hat unser Herr seine Liebe, seine Vollkommenheit und sein Leiden in derart erschütternden Weise gezeigt, dass seither unzählige Scharen versucht haben, diese Liebe zu erwidern und für ihn zu leiden und zu sterben. Das stellte auch Napoleon in seiner tiefsinnigen Analyse der unvergänglichen Rolle Christi in der Welt fest.

Der menschliche Beitrag zur Erlösung

Gleichzeitig hat Christus auch dem menschlichen Beitrag zu diesem Lösepreis seinen Platz gelassen. Das meint die Schrift mit dem Satz, dass wir „ergänzen können, was an den Leiden Christi noch fehlt.“ (Kol 1,24)  

„Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“, sagt das Sprichwort. In diesem Fall drückt es einen Grundsatz des Glaubens aus. Gottes Umgang mit dem Menschen beruht auf Zusammenarbeit. Gott ergänzt, was der Mensch nicht geben kann. Aber der Mensch muss für seine eigene Rettung tun, was er kann. Wer am meisten an seiner Heilung mitwirkt, erfüllt den Plan am besten. Je mehr der Mensch beiträgt, umso größer sind die Wirkungen der Gnade in ihm. Und die führen wieder zu einer größeren Herrlichkeit im Himmel.

Wenn der Erlöser das beitragen würde, was der Mensch leisten kann, und was ihm einen so großen geistlichen Gewinn bringt, würde er ihn damit einengen und ihn um die Chance zu verantwortlichem Handeln und Wachstum in der Gnade bringen. Das wäre undenkbar angesichts der Tatsache, dass Menschwerdung und Erlösung zum Nutzen des Menschen unternommen wurden, um ihn zu retten, zu heiligen und in jeder Hinsicht so weit als möglich wachsen zu lassen. Wenn Jesus dem Menschen abnähme, was er selbst tun kann, würde dieses Programm zur Bereicherung des Menschen behindert. Daher wurde ein Teil des Versöhnungswerkes der Menschheit überlassen, damit sie durch ihre Mitarbeit ergänze, was Jesus aus diesem Grund nicht selbst getragen hat. Es erübrigt sich, zu betonen, dass diese Verpflichtung des Menschen zu einem eigenen Beitrag die Vollkommenheit des Werkes unseres Herrn nicht schmälert, sondern sie eher noch bereichert.

Das ist wirklich der Kernpunkt des Erlösungsplanes. 25 Dieser entscheidende Grundsatz der katholischen Lehre wird offensichtlich von Andersgläubigen überhaupt nicht verstanden. Natürlich hätte uns Gott die Erlösung und den Gipfel der Vollendung auch ohne irgend eine Mitarbeit von unserer Seite schenken können.

Hier besteht ein deutlicher Unterschied zwischen den Lehren der Protestanten und der Katholiken. 25b Einige Gruppen der Protestanten halten die Taufe und einen Akt des Glaubens für ausreichend zum Heil, einige lassen sogar die Taufe weg. Der herkömmliche Protestantismus behauptet, dass das ganze Erlösungswerk durch Christus getan ist, und dass das Einzige, das der Mensch leisten muss, ein Akt des Glaubens an ihn ist. Der sichert ihm die Verdienste Christi, und er ist gerettet. Ein eigener Beitrag wird nicht gefordert. Er ist wie ein Block aus Holz oder Stein, aus dem der Bildhauer, also Christus, ohne eigene Mithilfe eine Figur formt. Calvin ging sogar noch weiter und lehrte die Vorherbestimmung zur Rettung oder zur Verdammung. Luther lehnte den Jakobusbrief ab, weil er zusätzlich zum Glauben gute Werke für nötig hält.

Das würde bedeuten, dass die menschliche Mitwirkung so gering wäre, dass es nicht geringer ginge. Ein derart kümmerliches Leben weist aber kaum noch eine Ähnlichkeit mit dem Leben unseres Herrn auf, der täglich sein Kreuz auf sich nahm, unablässig betete und jede Tugend und alle guten Werke ausübte, und der nach den Worten der Schrift zunahm an Alter, Weisheit und Gnade (vgl. Luk 2,52).

Dagegen billigt der katholische Glaube dem Menschen eine verantwortliche Rolle bei der Mitwirkung an der Erlösung zu, sowohl an der eigenen als auch der ganzen Welt. Gott spricht zum Menschen: „Müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil!“ (Phil. 2,12) So muss der Mensch neben dem Glauben auch Werke eines christlichen Lebens beitragen, einschließlich – das soll gesagt werden – des Apostolats. Dann wird das Leben ein Prozess der Heiligung, der höchste Ziele anstreben kann.

Das Leben des Christen soll eine Nachfolge und ein Wachsen in Jesus Christus sein. Wir sollen in ihm leben und sein Leben in jeder Hinsicht teilen. So sagt der hl. Paulus: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ (Gal. 2,20) Dieses Grundgesetz der Mitarbeit mit Christus erreicht in den Heiligen beachtliche Höhepunkte. In Maria kommt er zu seinem höchsten Gipfel. Das II. Vatikanische Konzil erklärt, dass Maria, so sehr sie auch im Himmel erhöht ist, doch das Urbild ist, das Gott von jedem Menschen hat.

Die Rolle Marias im Erlösungsplan

Das ist die Bestimmung der Christen. Bei ihrer Verwirklichung bleibt Marias Rolle führend. Sie war die Vertreterin der Menschheit, sie ist ihre Königin geworden. Sie war die einzige und einzig mögliche Braut, sie ist weiterhin die unentbehrliche Mutter. Sie gewährt ihren Kindern alle Gnaden, sie sind auf Maria angewiesen. Das Legionssystem ist auf ihr aufgebaut.

Sie erschien in den Augen Gottes fähig, eine einzigartige Rolle zu übernehmen, und eine solche wurde ihr auch zugeteilt. Nach den Worten der Liturgie hat sie die Rolle der Mitarbeiterin verdient. Ihre Mitwirkung erreichte solche Höhen, dass wir uns höhere gar nicht vorstellen können. Sie wurde unbefleckt empfangen, und das bewirkte schon eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihr und Jesus Christus. Diese wiederum versetzte sie in die Lage, ihn würdig zu empfangen, so wie es sich für den Sohn Gottes gebührte. Ebenso wurde für die weitere Verwirklichung der Erlösung zwischen ihm und ihr eine besondere Beziehung hergestellt, ähnlich der zwischen Adam und Eva beim Sündenfall. Die Erlösung sollte den Sündenfall in jeder Einzelheit ins Gegenteil verkehren. Der Mensch wurde durch Jesus gerettet und nicht durch Maria, aber wenn man die ganze Rolle Evas beim Sündenfall und nachher bei der Geburt und Erziehung der Kinder Adams betrachtet, weist das auf die Größe der Aufgabe Marias als Mitarbeiterin an dem ganzen Werk hin. Sie war Miterlöserin, wie der gebräuchliche Titel es ausdrückt.

Es ist eindeutig, dass Gott sie erhöhen wollte, nicht nur in der Wertschätzung der Menschen – das würde nicht viel bedeuten – sondern durch ihre wesentliche Mitwirkung am Erlösungswerk. Mit anderen Worten: Er wollte ihr die größtmögliche Rolle übertragen, die sie erfüllen konnte. Wir sind nicht in der Lage, die unermessliche Größe Marias und ihres Beitrages zu begreifen, für die sie nach den Worten der Schrift alle Geschlechter selig preisen müssen. Mit einem Wort: Marias Anteil an der Erlösung ist so groß, dass ihr Sohn und sie gemeinsam ein einziges Prinzip der Erlösung bilden. Da das so ist, entsprechen wir dem Plan und den Wünschen Gottes am ehesten, wenn wir sie Seite an Seite mit Jesus hochschätzen und preisen.

Kritiker könnten einwenden, dass diese ihre wichtige Rolle Gottes Vorrang beeinträchtigt. Aber wenn Gott dieses System so eingerichtet hat, wie kann er dann dadurch zu Schaden kommen?

Maria bringt den Menschen den Heiligen Geist näher

Ich wage mich noch um einen Schritt weiter: Ich meine, dass die Marienverehrung eine viel tiefere Wurzel hat als die wichtige Tatsache, dass Ehre zu geben ist, wem Ehre gebührt. Die Theologie erklärt, dass die Menschwerdung auch abgesehen vom Ziel der Erlösung nötig war, weil der Mensch nicht fähig war, Gott wirklich zu nahen und in seinem Herzen zu empfangen. Auf sich selbst gestellt würde der Mensch entweder in Gottferne verharren oder den Abgrund durch die Anbetung von Götzenbildern zu überbrücken suchen. Jesus Christus ist die Antwort auf diese Schwierigkeiten. Er bringt dem Menschen Gott in verständlicher und anziehender Art nahe.

Kann eine ähnliche Idee nicht auch auf den Heiligen Geist und Maria angewandt werden? Er ist der „unbekannte Beistand“ genannt worden, und ohne Zweifel sind die Verehrung und Zuwendung zu ihm sehr schwach. Es ist daher faszinierend festzustellen, dass man in der Legion eine ausgesprochene Verehrung für ihn finden kann, dass er als eigene Person in der Heiligen Dreifaltigkeit gesehen wird, dass sein Wirken im ganzen christlichen Leben wenigstens geahnt wird. Wie soll das Eingang in die Legion gefunden haben, deren Mitglieder doch nichts anderes als Durchschnittsmenschen sind? Die Legion schreibt diese Fähigkeit ohne Zögern ihrer Verehrung für Maria zu.

Die Legionäre werden gelehrt, innerhalb und außerhalb der Legion alles in Verbindung mit Maria zu tun. Es wird ihnen erklärt, dass sie die Braut des Heiligen Geistes ist, dass er in untrennbarer Einheit mit ihr wirkt, dass sie alle ihre Gnaden und ihre ganze Aufgabe von ihm erhält. Es kann also keine Rede davon sein, dass einer der beiden in unserer Verehrung verdunkelt wird: Jeder Gedanke an den einen ruft den anderen in unser Blickfeld.

Sie ist ihm so nahe, dass wir sie nicht berühren können, ohne auch ihn zu berühren. Sie ist so sehr sein Werkzeug, dass er in ihr am Werk zu sehen ist. Sie ist so erfüllt von ihm, dass sie auf menschliche Weise ein Abbild von ihm ist.

Diese Lehre kann von den einfachsten Menschen leicht verstanden werden und führt tatsächlich zu einer angemessenen Verehrung der dritten göttlichen Person.

Es wäre schon viel, wenn Marias Aufgabe nicht mehr wäre, als in ihrer Person den Glanz ihres Bräutigams widerzuspiegeln. Aber Maria, dieser außergewöhnliche „Spiegel der Gerechtigkeit“ leistet noch viel mehr. Sie bietet ein Bild seiner Vollkommenheit und seines Wirkens. Sie macht ihn für unsere Sinne berührbar, und in gewisser Hinsicht sogar in der Welt sichtbar. Er zeigt sich unserem Verständnis als wahre Person und fordert unsere Huldigung.

So zeigt Maria den Heiligen Geist beinahe so, wie uns in Jesus Gott begegnet. Bedenken Sie noch, dass Maria die Frau war, die Jesus auf die Welt brachte für seine Erlöseraufgabe als Zertreter der Schlangenhaupte.

So ist die Sachlage ganz anders, als die sonst recht sympathischen protestantischen Schriftsteller gemeint haben. Die Kenntnis Marias, über die sie sich beklagt haben, führt nicht dazu, dass der Heilige Geist zurückgesetzt und seiner Ehre beraubt wird. Im Gegenteil: Sie hebt ihn heraus aus der Dunkelheit der Unkenntnis und dem Nebel des Vergessens und bietet ihn dem menschlichen Verstand so lebendig dar, als es bei Personen und Dingen möglich ist, die der rein geistigen Ordnung angehören. Sie sichert dem Heiligen Geist einen Platz und einen Ruhm, den er auf andere Weise von den Menschen nicht erhalten würde.

Da liegt etwas Gewaltiges verborgen. Bietet das nicht einen Ansatzpunkt für vertieftes Studium? Sicherlich zeigt es, wie schwerwiegend jede Zurückhaltung gegenüber jener mitwirkenden Frau ist. Die Strahlen des gewöhnlichen Lichtes werden erst sichtbar, wenn sie auf irgend einen Gegenstand treffen. Ganz dasselbe kann auch zutreffen auf das unsterbliche, das göttliche Licht. Die Unbefleckte wird davon durchstrahlt und ist ein wesentlicher Weg, auf dem wir in die Kenntnis des heiligen Schöpfer- Geistes einzudringen können.

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Herzlich Willkommen

„... unter der Führung Marias, die im Bild vor ihnen stand,
begannen sie zu überlegen,
wie sie Gott am besten gefallen und was sie tun könnten,
damit er in Seiner Welt geliebt werde.“

(Handbuch der Legion Mariens)

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