Man muss den Seelen unendliche Geduld und Milde schenken
Aus dem Büchlein “Wagnis für Gott” von Friedrich Wessely, siehe auch Handbuch der Legion Mariens S 355 ff
Der Ton der Strenge hat keinen Platz in der Sendung der Legion. Man kann nur Erfolg haben, wenn man mitfühlend und milde ist, besonders wenn man sich mit Ausgestoßenen und Sündern abgibt. Im Alltagsleben sagen wir uns immer wieder, dass gewisse Fälle Vorwürfe und harte Worte brauchen; wir sprechen diese Worte und bereuen sie nachher. Vielleicht haben wir doch in jedem solchen Fall einen Fehler gemacht. Warum denken wir nicht rechtzeitig daran, dass gerade raue Behandlung schuld ist an der Härte und Verderbtheit, über die wir uns beklagen, selbst wenn diese raue Behandlung zweifellos verdient war? Die Blume, die sich unter der milden Wärme, der Sanftmut und der Teilnahme geöffnet hätte, schließt ihren Kelch in der kälteren Luft. Der Hauch des Mitfühlens, der von dem guten Legionär ausgeht, die Bereitwilligkeit zuzuhören, mit ganzem Herzen teilzunehmen an dem, was man ihm erzählt, all das ist unwiderstehlich. Selbst ein ganz verhärteter armer Schlucker wird dadurch völlig aus dem Gleichgewicht gebracht und macht in fünf Minuten Zugeständnisse, die Jahre des Ermahnens und Beschimpfens ihm nicht abgerungen hätten.
Jedem Legionär müssen die Worte in der Seele brennen, die die Kirche auf Maria bezieht: “Mein Geist ist milder als Honig, und mein Erbe ist milder als Honigseim.” Andere mögen durch stärkere Methoden Gutes tun. Doch für den Legionär gibt es nur einen Weg, Gottes Werk zu tun, nämlich Milde und Freundlichkeit. Unter keinen Umständen darf er diesen Weg verlassen. Tut er es doch, so wirkt er nichts Gutes; er richtet eher Unheil an.
In der Regel sind die Legionäre nicht säumig bei ihrer Suche nach Sündern. Oft gehen sie jahrelang einem verstockten Sünder nach. Aber manchmal bekommt man es mit Menschen zu tun, die Glaube, Hoffnung und Liebe auf eine harte Probe stellen. Sie scheinen gar nicht in die Reihe der gewöhnlichen Sünder zu gehören. Sie sind Menschen von grenzenloser Bosheit, eingefleischter Selbstsucht, bodenloser Falschheit; oder Menschen voll von Hass gegen Gott oder von einer abscheulichen Einstellung zur Religion. Es scheint keine zarte Saite in ihnen zu geben, keinen Funken der Gnade, keinen Zug des Geistigen. Sie sind so widerlich, dass es schwer fällt, zu glauben, dass nicht auch Gott selbst Abscheu vor ihnen habe. Die Versuchung, diese Menschen lieber laufen zu lassen, ist beinahe unüberwindlich. Aber der Legionär darf es nicht tun. Solche menschliche Vernunftschlüsse sind immer falsch. Denn in Wirklichkeit sehnt sich Gott so sehr, so brennend nach dieser gemeinen, entstellten Seele, dass Er ihr Seinen Sohn, unseren liebsten Heiland, gesandt hat, der nun bei ihr ist.
Benson hat uns in wunderschönen Worten gesagt, warum der Legionär hier durchhalten muss: “Wenn ein Sünder durch seine Sünde Christus nur von sich triebe, könnte man solch eine Seele noch in Ruhe lassen. Weil aber - nach dem erschrecken-den Wort des hl. Paulus - die sündige Seele Christus festhält, Ihn kreuzigt und zum Gespött macht (Hebr 6, 6), können wir es nicht ertragen, diese Seele ihren Weg gehen zu lassen.” Welch zündender Gedanke! Christus, unser König, sozusagen in der Hand des Feindes! Diese Losung genügt für einen lebenslangen Kampf…
Ein Legionär, der viel Erfahrung mit den verdorbensten Sündern einer Großstadt hatte, wurde einmal gefragt, ob er je einem ganz hoffnungslosen Fall begegnet sei. Als Legionär widerstrebte es ihm, das Bestehen einer solchen Menschenklasse zuzugeben, und er antwortete, dass wohl viele sehr arg seien, doch nur wenige hoffnungslos. Auf weiteres Drängen gab er schließlich zu, dass er einen kenne, den man vielleicht als hoffnungslos bezeichnen könne. Am gleichen Abend noch traf ihn eine überwältigende Zurechtweisung. Ganz zufällig begegnete er auf der Straße der Person, die er genannt hatte. Nach einem Gespräch von nicht mehr als drei Minuten war das Wunder einer völligen und dauernden Umkehr geschehen!


